Der Sinn und Unsinn von Laufschuh-Empfehlungen

Der Sinn und Unsinn von Laufschuh-Empfehlungen - Warum ich dir keine allgemeinen Empfehlungen für Laufschuhe liefern werde und welche Gefahren das Marketing von Laufschuhen mit sich bringt.

„Welchen Laufschuh kannst du empfehlen?“ – Den, der zu dir passt.

Ja, leider. Denn die Suche nach dem richtigen Laufschuh ist ein bisschen wie die Suche nach der richtigen Jeans. Für den einen unmöglich, für den nächsten eine simple Sache.

Ich hasse diese Frage. Und es ärgert mich, immer wieder Laufschuhe vor die Nase gesetzt zu bekommen, die schlichtweg nicht zu mir passen. Weißt du, wie viele Laufschuhe ich zu Hause stehen habe? Ich befürchte, es sind mehr als zehn Und weißt du, wie viele ich davon regelmäßig trage? Maximal 2-3. Das ist nun ein Luxusproblem. Weil mir als Bloggerin gerne mal Laufschuhe zugeschickt werden, die ich testen und hoch in den Himmel loben soll. Tu‘ ich aber nicht. Ich sage zwar hier und da, dass ich mit dem neuen Reebok Floatride richtig gut laufen kann und mich darin wohlfühle. Oder dass die Schuhe von Salming es mir schlichtweg angetan haben.
Aber niemals wirst du mich sagen hören: Den Schuh solltest du unbedingt auch tragen. Weil das eine zutiefst individuelle Sache ist.

Die Suche nach dem passenden Laufschuh

Bevor du einen Laufschuh kaufen und langfristig mit ihm eine Bindung eingehen willst, solltest du herausfinden, wie du läufst. Dafür ist eine Laufbandanalyse hilfreich, weil diese die genauesten Aufnahmen gibt. Wenngleich das mit Vorsicht zu genießen ist. Denn Menschen geloben auf dem Laufband anders zu laufen als auf der Straße oder im Wald. Außerdem können die Empfehlungen zu dem passenden Laufschuh mehr oder weniger kompetent sein. Je nachdem, wer vor dem Bildschirm steht und das Urteil fällt.

Deshalb mein Tipp: Wenn du irgendwie die Möglichkeit hast, nimm jemanden mit, der ein wenig Ahnung von der Materie hat. Ein erfahrener Läufer, Physiotherapeut, Lauftrainer. Oder setze dich zuvor selbst mit dem Laufstil auseinander. Was es bedeutet, wenn der Knöchel zu weit nach innen knickt oder dein Knie nach außen dreht.

Der Mythos der Änderung deines Laufstils

Wie oft sagte man mir schon bei solchen Laufbandanalysen, ich müsse dringend meinen Laufstil ändern. Die ewige Diskussion um Vorfuß, Mittelfuß oder Fersenlauf, um O-Beine und X-Beine, Überpronation und Unterpronation. Das Problem ist: Ich hab’s versucht. Ich hab mehrfach versucht, meinen Laufstil umzustellen, weil ich damit ja so viel effektiver und schonender laufen könne. Doch das Problem war jedes Mal das Gleiche: statt tollen Leistungen kamen Verletzungen und Überlastungserscheinungen.

Es stimmt. Wir sollten anstreben, unsere Lauftechnik zu optimieren. Und es gibt Dinge, die kann man sehr gut beeinflussen. Zum Beispiel die Aufrichtung des Rumpfes. Die Ausprägung deiner Gesäßmuskulatur. Aber niemals wirst du aus einem O-Bein ein X-Bein machen können. Weil das schlichtweg ein orthopädisches „Problem“ ist, was du dir schon in frühen Kinderzeiten angelernt hast und inzwischen nicht mehr durch Muskulatur zu beheben ist. Deshalb brauchst du keinen Schuh, der dich in eine komplett andere Richtung lenken will. Sondern einen, der an deinen Schwachstellen unterstützt und ansonsten mit dir harmoniert.

Worum es wirklich geht bei der Suche nach dem richtigen Laufschuh

Was wirklich wichtig ist, ist dein Gefühl. Und zwar das Gefühl, das du auch nach 100 Kilometern noch mit diesem Laufschuh hast. Wenn dein erster Eindruck beim Schuhanziehen positiv ist, hast du schonmal gute Chancen. Bist du ein paar Kilometer gelaufen und fühlst dich damit leicht und locker, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit der richtige Schuh.

Hierbei kann es definitiv helfen zu wissen, dass du möglicherweise überpronierst oder Fersenläufer bist, aber es sind alles nur Richtungen. Nur weil die Videoaufnahme sagt, du solltest dringend den neuesten und teuersten Schuh der Reihe ausprobieren (oh, was für ein Zufall!), bedeutet das nicht, dass dieser auch der Beste für dich ist. Deshalb mein Tipp für dich: Probiere einiges aus. Achte im Grundsatz darauf, ob du eher ein Neutralläufer bist, eher Überpronierer (also dein Knöchel nach innen einknickt), du eher Vorfuß oder Ferse läufst. Aber kaufe niemals einen Schuh, den du nicht getestet und anprobiert hast.

Laufschuh-Typen im Überblick

Damit schonmal eine kurze Idee bekommst, in welche Kategorien sich Laufschuhe einordnen lassen, gebe ich dir hier einen Überblick.
(Die im folgenden verlinkten Laufschuhe dienen lediglich der Veranschaulichung. Einige dieser Schuhe habe ich als kostenlose PR-Samples (ohne Bezahlung) selbst getestet, aber bin wie gesagt nicht in der Lage, ein objektives Urteil zu fällen – weil es besonders bei Laufschuhen schlichtweg keine Objektivität gibt.)

Dämpfung/Neutralschuhe

  • unterstützen die natürliche Abrollbewegung
  • keine bis mittlere Unterstützung
  • moderat gedämpft
  • eine mittlere Sprengung (der Höhenunterschied zwischen Vorfuß und Ferse)

Neutralschuhe sind geeignet für Trainings- und Freizeitläufe aller Distanz bei Läufern, die keine Probleme mit Instabilitäten oder Gelenkfehlstellungen haben.

Stabilitätsschuhe

  • enthalten eine Stütze an der Innenseite des Knöchels
  • starke Unterstützung gegen Überpronation (Einknicken des Knöchels nach innen)
  • sehr hohe Dämpfung
  • mittlere bis hohe Sprengung

Stabilitätsschuhe sind meistens schwerer als Neutralschuhe und unterstützen Läufer mit Instabilitäten, die zur Überpronation neigen.

Leichtigkeit/Wettkampfschuhe

  • minimales Gewicht
  • minimal gedämpft
  • keine Unterstützung
  • kaum Sprengung

Leichtigkeits- und Wettkampfschuhe sind auf Bestzeiten ausgelegt. Sie sind so minimalistisch und leicht wie nur möglich ausgestattet, um das Beste aus dir herauszuholen. Diese sind ausschließlich für Wettkämpfe und Simulation von Wettkampfsituationen oder Tempotraining geeignet. Leichtigkeitsschuhe sind weniger für schwere Läufer geeignet.

Natural Running Schuhe

  • wenig Gewicht
  • wenig gedämpft
  • wenig Unterstützung
  • wenig Sprengung
  • viel Flexibilität

Natural Running Schuhe sind sehr minimalistisch und auf Vorfuß- bis Mittelfußlaufen ausgelegt. Sie unterstützen einen natürlichen Laufstil, fordern aber deutlich Stärker die Fuß- und Wadenmuskulatur. Anfangs eignen sich diese Schuhe eher als Zweitschuh in kurzen Einheiten zur Kräftigung des Unterschenkels und Stabilisieren der Füße.

Trailrunningschuhe

    • mittleres Gewicht
    • mittel gedämpft
    • mittlere Unterstützung
    • maximaler Grip

Trailrunningschuhe unterstützen Läufer vor Allem in rutschigen Gefilden und fernab von befestigten Wegen. Sie verfügen meist über eine spezielle Solle und ein spezielles Material und sollten ausschließlich im Gelände getragen werden.

Fazit

Der richtige Laufschuh ist eine zutiefst individuelle Sache. Wenn du mit deinem aktuellen Laufschuh unzufrieden bist, solltest du davon absehen, nur die Meinung anderer zu beachten. Natürlich haben wir alle unseren Lieblingslaufschuh, aber ob dieser für dich der Richtige ist, kann niemand voraussagen. Ich hoffe, dass ich dir mit diesem Artikel ein wenig Licht ins Dunkel bringen konnte.

 

7 thoughts on “Der Sinn und Unsinn von Laufschuh-Empfehlungen

  1. Ich muss dir leider widersprechen: Mittel- und langfristig ist die Änderung des Laufstils die einzige Option um verletzungsfrei zu laufen.
    Das Problem, das du (und viele andere) gehabt hast ist, das die Laufstiloptimierung nur in kleinen Schritten vorgenommen werden darf und Zeit kostet. Ich arbeite seit über 3 Jahren konsequent bei jedem Lauf an meiner Technik und merke langsam Verbesserungen. Natürlich ist da ein Schuhkauf einfacher und schneller, aber er löst das Problem nicht. Gestützte Muskeln und Sehnen werden schwächer statt stärker…

    1. Ich glaube, da haben wir uns missverstanden – vorhandene Muskeldysbalancen müssen unbedingt behandelt werden, weil du ganz richtig sagst, ansonsten werden sie immer schlimmer. Wer aber keine Probleme mit seinem Laufstil hat und nur hobbymäßig und moderat läuft, der profitiert oftmals wenig davon, radikal seinen Laufstil zu ändern. Das, was du da beschreibst ist etwas ganz anderes und die vernünftige Variante 🙂
      Und nein – ich habe auch nicht gesagt, dass der Schuhkauf das Problem lösen soll. Sondern lediglich, dass ein passender Schuh bequem und für dich geeignet sein soll. Die Laufstiloptimierung ist etwas ganz Essentielles für jeden Läufer. Ich spreche hier von radikalen Schritten wie der Veränderung von Ferse auf Vorfuß ohne dass Probleme vorliegen.

  2. Hallo!
    Vielen Dank für diesen informativen Artikel!
    Hätte ne Frage dazu:
    Ich hab das Problem, dass ich eher auf der Ferse laufe.
    Ich bevorzuge das Laufen am Laufband, aber besonders hier tut mir die Ferse dann schnell weh.
    Welchen Schuh könntest du mir in diesem Fall empfehlen?

    Vielen Dank und LG

    1. Hallo Alina,
      wie Paula ja bereits geschrieben hat sind Schuhempfehlungen immer so eine Sache. In der Regel sollten für den neutralen Fersenläufer die meisten neutralen Dämpfungsmodelle mit einer klassischen Sprengung von 8-12mm passen (Sprengung= Höhenunterschied Vorfuß-Ferse). Geh einfach mal in ein großes Fachgeschäft und probiere einige Modelle aus. Evtl. Mizuno Wave Rider, Adidas Supernova, New Balance 1080v7, Nike Air Pegasus 34, Saucony Ride 10.
      Dein langfristiges Ziel sollte aber sein deinen Laufstil etwas mehr auf den Mittelfuß zu verlagern. Gruß Patrick

  3. Schöner Artikel Paula. Den „RICHTIGEN“ Laufschuh zu finden bei dem einfach alles passt und der dich bei jedem Lauf einfach begeistert ist fast wie den richtigen Partner zu finden. Auch wenn ich das bei Frauen niemals sagen würde, aber Schuhen zählt ganz klar, probiere so viele Schuhe wie nur irgendwie möglich :-). Manche finden den „richtigen“ leider nie.

    Viele Grüße Patrick vom Laufblog http://patricksalm.de

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