42,195 km zum glück – mein erster marathon, hamburg 2015

nun ist es vollbracht. wochen voller schweiss, training, tränen, anstrengung und angst liegen hinter mir, um diesen einen lauf zu meistern. und: ich hab es geschafft! es fällt mir noch schwer, das alles in worte zu fassen. das, was ich in den letzten 16 wochen gemacht habe und womit das ganze gestern abgeschlossen wurde. wobei ‘abgeschlossen’ das falsche wort ist – das würde ja bedeuten, dass hier die reise vorbei ist, aber das ist sie definitiv nicht, ich möchte jetzt schon wiederholungstäterin werden.

wie alles begann
“marathon laufen? nein, das ist mir zu extrem! halbmarathon – ja, aber marathon ist mir zu grosse zerstörung!” 
– so dachte ich noch im letzten jahr. doch meine leistungen auf halbmarathondistanz wurden jedes mal besser und meine laufgruppen wuchsen. ich begann, das laufen zu LEBEN und zu LIEBEN. das gefühl nach einem erfolgreichen training. das gefühl, wenn man im wettkampf alles gegeben und sich selbst übertroffen hat. die faszination, was so ein körper leisten kann.
und dann mitzuerleben, wie ein laufschüler auf seinen ersten marathon hintrainiert, es ihm dabei SO gut ging und er so zufrieden und begeistert war – da hat es mich gepackt.
ich wollte es ausprobieren, wollte zumindest einmal marathon gelaufen sein, um auch wirklich sagen zu können, dass es doof und viel zu extrem ist – konnte ja keiner wissen, dass es mich so begeistert und umhaut.

16 wochen vorbereitung
der entschluss war also gefasst. hamburg sollte es sein. weihnachten 2014 sicherte ich mir einen startplatz, noch gar nicht wissend, was nun auf mich zukommen würde.
ich hatte keine vorstellung, was marathon bedeutet – ich glaube, das kann man auch nicht, wenn man noch keinen gelaufen ist.
inspiriert durch pläne aus dem internet, pläne aus der laufbibel und meinem eigenen wissen durch die lauftrainerausbildung erstellte ich mir also einen plan, mit dem ich mich auf einen marathon in 4:00 std vorbereiten wollte. 16 wochen sollte er gehen, vier mal wöchentlich training, ein langer lauf und ein tempotraining in der woche.
die ersten wochen liefen wunderbar. ich konnte all meine trainingseinheiten absolvieren und fühlte mich gut dabei.
doch den ersten testwettkampf konnte ich nicht antreten – es war glatt und ich hatte ein beginnendes schienbeinkantensyndrom, weshalb ich den ersten halbmarathon des jahres anfang februar strich.
dann aber ende februar die überraschung: spontan meldete ich mich drei tage vorher beim kielmarathon für den halbmarathon um und lief den erfolgreich wie nie! 11 minuten schneller als bei meinem debüt und 3 minuten unter meiner bisherigen bestzeit und mit einem gefühl wie fliegen meisterte ich ihn.
also wieder hochmotivert ging es weiter, ich dachte mir, niemand könnte mir mehr was und den marathon hätte ich schon in der tasche.
aber den lauf auf sylt am 15.3. trat ich auch nicht an. schlechte planung und die schienbeine meldeten sich wieder… in der gleichen woche der nächste einschlag: kellerbrand in unserem wg-haus. wir kamen mit einer leichten rauchvergiftung davon, doch die wohnung war vorerst nicht mehr bewohnbar.
mein training fiel wieder flach. ein paar mal versuchte ich zu laufen, doch selbst auf einer 7km strecke musste ich mehrfach gehpausen machen und hatte probleme mit der luft.
die angst stieg – noch ein monat bis hamburg, wie sollte das funktionieren, wenn ich immer wieder ausfiel? dazu eine stressige wohnsituation, ein furchtbarer job im krankenhaus und die immer wiederkehrenden schienbein-probleme.

zweifel bis zum schluss – die letzten zwei wochen
zwei wochen vor dem marathon stand mein letzter längerer lauf (22km, marathontempo) an. ich musste ihn abbrechen. die entzündeten schienbeinkanten liessen mich nicht weiterlaufen und massive unterleibskrämpfe setzten mich ins aus. also hiess es: radikale laufpause und ruhe.
ich fühlte mich schwach und schwer. meine energie schien am nullpunkt. ich war kurz davor, auch hamburg abzusagen.
was für ein deprimierendes laufjahr! 
doch ich tat es nicht. runskills berichtete von ihren erfahrungen auf dem haj – marathon. und das gab mir neuen mut. wenn sie das schaffte, warum dann nicht auch ich?!

die letzten zwei wochen verbrachte ich also mit kaum training. nur noch wenige schwimmeinheiten und radeinheiten machte ich, weil mir ansonsten die energie fehlte. 3 tage vor hamburg ein testlauf über 7km. ich fühlte mich GUT. endorphinüberschüttet und motiviert.
es war also sicher, auch wenn die angst bis zum schluss anhielt.

der marathon
die nacht verbrachten wir in einem hotel in hamburg.
am abend erzählte mir ein freund eine gute-nacht-geschichte über die prinzessin marathonia und ich muss sagen, dass sie mich auch während des laufs noch verfolgte 😀 die nacht war ansonsten – wie erwartet – furchtbar 😀 ab 2:45 uhr wälzte ich mich nur noch hin und her und konnte nur noch kurzzeitig schlafen.
als dann um 5:45 mein wecker klingelte, sprang ich sofort auf, holte mir einen kaffee und begann den morgen. duschen, frühstücken (2 bananen und ein müsliriegel), anziehen, nochmal alles checken – dann los.
mein herz raste. mein ruhepuls betrug schon 100. doch zum glück war ich nicht allein. mein freund begleitete mich bis zum startpunkt und wartete mit mir bis fünf minuten vor dem start. noch drölf mal sicherheits- und aufregungspipi, dann konnte es endlich losgehen.

die ersten 10km vergingen wie im flug. es fiel mir schwer, mich an meine vorgenommenen 5:41 min/km zu halten, denn ich wurde allmählich immer schneller. ich rechnete alle paar km aus, wieviel ich schon geschafft hatte (“schon 1/10, schon 1/9, schon ⅛“). ich verstand die situation noch gar nicht und dachte immer wieder: “ich lauf grad marathon :O :O”
bei km 10 entdeckte ich meine fangemeinde am rand mit selbstgebastelten schildern, megaphon und kamera bewaffnet riefen sie mir zu und feuerten mich an. ich schmiss ihnen meine jacke zu und rannte top motiviert weiter.

km 10-20 vergingen ebenfalls schneller als gedacht. ich war eingelaufen. mein linkes knie meldete sich ab und an, aber ansonsten ging es mir gut. ich war von mir überzeugt, liess zu, dass das tempo immer schneller wurde und vertröstete mich damit, notfalls die letzten 5 oder 10km langsamer zu laufen, auch wenn das nicht nach lehrbuch wäre 😀

km 20-25 waren die härtesten. ich begann wieder zu rechnen. die hälfte war geschafft, aber es fühlte sich noch sooo unendlich an. gelegentlich ziepten die oberschenkel und ich fragte mich, wie ich nochmal so lange laufen sollte. inzwischen hatte ich 2 energygele intus und nahm jeden getränkestand mit.

km 25-30 meine playlist machte den unterschied. JEDER liebt 90er und das rettete mir in dem moment meine motivation 😀 die furchtbare stimme von blümchen schrie mir ins ohr ‘herz an heeerz hörst du mich?! SOS ich liebe dich!’ ich landete im runner’s high. fühlte mich wie die prinzessin marathonia, die alles hinter sich liess. wieder wurde mein tempo schneller.

km 30-36,2 noch 12 km!! ich war so erstaunt, so high. hatte etwas angst vor dem mann mit dem hammer, drückte mir deshalb noch eines dieser ekelhaften gele in den mund und rannte weiter. links und rechts von mir immer mehr menschen, die ausschieden, die gehpausen machten und einfach nur noch bemitleidenswert aussahen. ich fühlte das gegenteil. hatte den eindruck, mit jedem schritt bekam ich mehr energie – und es stimmte auch, ich wurde immer schneller. freute mich auf die red bull zone und war davon überzeugt, dass mir nichts mehr passieren konnte.

km 36,2 – 41 nach einer redbull schorle ging es weiter. mann mit dem hammer? keine spur! ich rannte. sah das ziel. rechnete aus, dass ich höchstens noch eine halbe stunde unterwegs sein würde. eine halbe stunde – das war nichts mehr im vergleich zu dem, was ich geschafft hatte. zwar schmerzten meine oberschenkel etwas, doch mit kaltem wasser liess sich der schmerz bändigen. ausserdem regnete es inzwischen sturzbäche, sodass ich sowieso anderes zu tun hatte, als mich über meine oberschenkel zu ärgern 😀
bei km 40 traf ich wieder meine fangruppe. sie riefen mir zu, ich schrie zurück, fuchtelte wie wild und liess mich für den endspurt nochmal pushen. um mich herum unglückliche gesichter. ich war immer noch high. die zuschauer am rand wurden immer besser. SO viel energie und SO viel motivation. ehrlich, ohne die zuschauer wäre es nur halb so gut gewesen – wenn überhaupt.

endspurt – letzter km ihr glaubt nicht, wie lang ein kilometer werden kann. meine beine wurden so unfassbar schwer, ich guckte immer wieder auf meine uhr und hoffte, dass es endlich vorbei war. ich wusste, ich würde viel mehr als mein ziel erreichen.
ich kam ins ziel: 3:56 hatte ich auf meiner uhr. damit war ich unter vier stunden. ein ziel, woran ich vor dem marathon nicht mehr geglaubt hätte.

ich habe es also geschafft. wochen harte arbeit und leid. ich bin im training wirklich an meine grenzen gekommen, zumal so viel anderes noch los war. nicht nur körperliche grenzen, sondern auch psychische grenzen habe ich überschritten.
wie gesagt. ich kann es kaum beschreiben, doch ich glaube, dieser marathon und seine vorbereitung haben mir einiges gezeigt. ich habe mir damit einiges gezeigt und bewiesen.
ich bin geflasht, wozu ich in der lage bin. habe SO viel über mich gelernt. über meine ängste, meinen ehrgeiz und die überwindung von beidem.
nun geht es erstmal ans erholen. erholen von 16 harten wochen, mehrere hundert kilometer und einem marathon zum schluss. doch es war grossartig. eine erfahrung fürs leben.

entschuldigt diesen unendlich langen text. doch ich konnte mich nicht kürzer fassen. ich hätte eher NOCH MEHR schreiben können. vielleicht folgt noch ein text in ein paar tagen. wenn ich das ganze etwas mehr verarbeitet habe. und wenn das high allmählich abflacht.

27 thoughts on “42,195 km zum glück – mein erster marathon, hamburg 2015

  1. Gratulier dir zu deiner Zeit! Sehr genial 😀

    Und das Allerwichtigste, das dir bleiben sollte ist, dass du das Laufen weiterhin ein Bestandteil deines Lebens ist. Wenn die Begeisterung bestehen bleibt, und du angefixt bist: Yay!

    Unter den Umstäden, unter denen du trainiert hast, sieht dein Erfolg nochmal um einiges erfüllender aus! Stress, egal welcher Art, darf man nich unterschätzen..umso besser gemacht!!

    Und dein Bericht liest sich endgeil, so sollts sein (denk ich mir, da ich selbst noch nie einen M gelaufen bin) Nochmal herzliche Gratulation!! :3

  2. Wow, super Leistung beim ersten Marathon! Glückwunsch zum Finsish! Und dann noch in der gleichmäßigen Pace!
    Herz an Herz hatte ich während des Marathons auch n weilchen als Ohrwurm. Da läuft es einfach 😀

  3. Schöner Bericht… Tolle Zeit… Ich brauche eine gute Stunde länger auf diese Distanz. Evtl. melde ich auch noch “kurzfristig” für Hamburg 2016… Bin gerade in der Vorbereitung für den 6h-Lauf in Münster und vielleicht ist dann ja auch noch genug Energie für HH drin…

  4. Super Bericht und gratuliere zu dieser Leistung 🙂

    Ich laufe heuer in Linz meinen ersten Marathon und möchte auch unter 4 Stunden bleiben!
    Jetzt sind es nur noch 2 Monate und ich bin jetzt schon nervös!

  5. Hallo Paula,

    auch fast ein Jahr später noch HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
    Was für ein emotionaler und persönlicher Bericht. Konnte ich sehr gut nachvollziehen, da ich selbst dort am Start war. Leider mit weniger Erfolg, da es eine Quälerei wurde und ich meine Bestzeit deutlich verfehlte. Ein Erlebnis war es trotzdem!

    Planst du schon die nächsten Highlights?

    Viele Grüße
    Torsten aus München

    1. Vielen Dank Thorsten 🙂 Dieses Jahr ist leider noch nichts geplant, weil ich nach meinem Ermüdungsbruch nun erstmal wieder ins Laufen kommen muss. Bei 15 Wochenkilometern ist an Wettkämpfe noch nicht zu denken, hoffe aber zumindest auf den Hella Halbmarathon im Sommer in Hamburg! Und du?

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