Ich würde ja vegan leben, aber ich könnte niemals auf Thüringer Sauerfleisch bei meiner Oma verzichten.

Heute mal kein direkter Gesundheits-/Lauf- oder Fitnessbezug. Zumindest nicht primär. Heute geht’s bei mir um Ethik und Moral. Und wahrscheinlich begebe ich mich hier mal wieder auf dünnes Eis und mache mir einige Feinde. Veganer, die mich gleich verbrennen werden wollen, weil ich eine Ketzerin bin und Omnivore (Allesesser), die sich angegriffen fühlen, weil ich sie zu mehr Bewusstsein bewegen möchte.

“Ich würde ja vegan leben, aber ich könnte niemals auf Thüringer Sauerfleisch bei meiner Oma verzichten”
Zugegeben – das Zitat ist frei erfunden, aber übertragbar auf etwa JEDEN Nichtveganer, der sich ertappt fühlt, sobald jemand in seiner Gegenwart pflanzlich isst. Völlig Egal, ob es dabei nun um Thüringer Sauerfleisch (gibt’s das überhaupt? :D) bei der Oma geht oder um die Salamipizza nach dem Feiern oder ein solides Käsebrot am Abend.
Und weil du eben nicht auf deine Salamipizza verzichten willst, kannst du das mit dem Veganismus ja auch gleich lassen. Denn es ist ja eh egal. Du schaffst es nicht, 100% vegan zu leben, dann lohnt es sich auch nicht, sich weiter damit auseinanderzusetzen und vielleicht eben nur 95% durchzuziehen.
Stimmt, sagen nun wahrscheinlich einige Veganer. Denn wer einmal im Jahr 30g Käse zu sich nimmt und sich ansonsten als ‘vegan’ bezeichnet, ist ein wahrer Verbrecher und verbreitet eine ekelhafte Doppelmoral.

Der Fehler in dieser Denkweise? Dass es nicht nur schwarz oder weiß gibt. Nicht nur omnivor und vegan. Es gibt noch ungefähr 72496 Graustufen dazwischen, in denen man sich aufhalten kann. Doch der Denkfehler besteht leider von beiden Seiten. Da gibt es Veganazis, die nichts anderes tolerieren als vegan und alle anderen beschimpfen und beleidigen. Veganarzissten, für die ‘vegan’ eine Bezeichnung ihrer Persönlichkeit ist und die einzige Identifizierung, die sie in der Welt finden (es liegt nahe, dass Veganarzissmus häufig mit Veganazismus einhergeht) und Veganer, die eigentlich nur still eine bessere Welt wollen und deshalb ihren Veganismus leben. Und diese drei Pflanzenfresser treffen dann auf Omnivore oder Vegetarier – was früher oder später immer im Konflikt endet.
Denn: die wenigsten Allesesser/Vegetarier möchten wirklich hören, was da in der Welt der Tierhaltung abgeht. Niemand möchte mit offenen Augen in eine Mastanalage oder eine Schlachterei gehen. Deshalb wird sich lustig gemacht, alle Fakten ignoriert, und eine Liste von unsinnigen Argumenten gegen Veganismus aufgezählt und schließlich aus Frust eine neue Packung Bärchenwurst von Aldi gekauft.

Was häufig fehlt, ist das Verständnis. Ethik und Moral sind ein schwieriges Thema. Und letztlich ist das Problem an der Geschichte, dass wir selbst entscheiden können, was wir konsumieren, wenngleich bei vielen diese Entscheidung unbewusst abläuft.
Ich habe Verständnis für jeden Veganazi und jeden Veganarzissten, weil es furchtbar ist, was in unserer Welt abläuft, musste allerdings die Erfahrung machen, dass wir mit dieser Radikalität nicht weiterkommen und es darum nicht geht. Es geht nicht darum, ob das Glas Saft im Restaurant mit Gelatine geklärt wurde oder ob der Kleber auf meinem Senf Casein enthält.
Und genau deshalb bringe ich auch Verständnis für den Konsum von Fleisch-/Tierprodukten auf. Natürlich, mit Veganerbingo müssen wir uns nicht die Zeit rauben lassen. Genauso wenig wie mit Gedankenspielen auf der Insel, auf der es nur Tiere, aber keine Pflanzen gibt oder mit “Argumenten” wie ‘Fleisch ist geil’. Glaubt mir, Massentierhaltung gut zu heissen oder irgendjemandem das Recht zuzusprechen, seinen Genuss über das Leben eines Tieres zu stellen – das ist nicht mein Ding.

Was ich meine ist viel mehr: Du kannst nicht auf Omas Sauerfleisch verzichten? Dazu zwingt dich doch auch niemand! Dann lebst du eben nur an 364 Tagen im Jahr vegan und isst an Weihnachten Omas Sauerfleisch. Damit gehst du einen wichtigen Schritt. Es gibt nicht ganz oder gar nicht. Deshalb bezeichne ich mich selbst nicht mehr als Veganer. Wenngleich ich mich pflanzenbasiert ernähre und weder Leder, Pelz noch an Tieren getestete Produkte kaufe/besitze, möchte ich nicht, dass die Lebensweise zum Zwang wird. Deshalb gestehe ich jedem die Freiheit zu, auch mal etwas Tierisches zu konsumieren.
Denn: wir sollten uns lösen von jedem Veganarzissmus, Veganazismus und der Veganpolizei. Hierbei wird so oft vergessen, worum es eigentlich geht bei der ganzen Sache: nämlich um Tierschutz, um Umweltschutz, um Gesundheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit, Moral, Ethik, Empathie, Welthunger und und und.
Es geht nicht um dich und deinen VeganismusUnd wenn wir uns von dieser Denkweise verabschieden, dann wird es vielleicht auch einfacher, mit Vegetariern oder Omnivoren zu kommunizieren. Weil wir dann verstehen, dass es nicht um die einzelne Scheibe Käse im Jahr geht, sondern um die Gesamtbewegung. Darum, jeden Tag einen Schritt in die richtige Richtung zu machen und sich noch ein bisschen bewusster mit seinem Konsum auseinanderzusetzen.
Was wir machen können, ist – die Lebensweise vorleben. Geduld und Zeit aufbringen, um Menschen zu zeigen, dass vegan nicht langweilig und furchtbar sein muss und dass Veganer nicht alles nervige, verrückte Gesellen sind. Zeigen, dass es schmecken kann und dass wir keine Mangel erleiden müssen und uns um Gottes Willen nicht auf Diskussionen einlassen. Denn diese Art von Diskussionen führt nie zu einem guten Ergebnis.

Und wenn ein Omnivorer damit beginnt, einen Tag in der Woche vegan zu leben, dann hat er schon einen ersten Schritt gemacht, den man wertschätzen sollte. Oder wenn er lernt, dass man auch eifrei backen kann. Oder dass Sojahack in der Bolognese fast genauso schmeckt wie Rindfleisch.

Und wie seht ihr das Ganze? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen und Meinungen in den Kommentaren – egal ob Veganer, Veganazi, Vegetarier, Veganarzisst, Omni oder ganz was Anderes 😉 Lasst das Gepöbel beginnen!

 

 

20 thoughts on “Ich würde ja vegan leben, aber ich könnte niemals auf Thüringer Sauerfleisch bei meiner Oma verzichten.

  1. Ich kann diese ganzen verbalen “Schlachten”, die ausgetragen werden, ehrlich gesagt, nicht verstehen. Es geht doch darum, welche Motivation man hat. Ich selber habe damals aus spirituellen Gründen diese Entscheidung getroffen. Allerdings gebe ich Dir Recht, es gibt so viele Graustufen. Viele “Veganer” identifizieren sich und ihre Person komplett damit und fühlen sich dann entweder kritisiert, angegriffen oder verletzt, wenn jemand anderes nicht so lebt. Ich kann nur dazu raten, sich seiner Beweggründe und dem Sinn seiner Entscheidung bewusst zu werden und nicht seine ganze Person nur über die vegane Ernährung oder auch Lebensweise zu definieren.

  2. Toller Artikel, auf den Punkt gebracht. Wir essen daheim nur vegan und servieren unseren Gästen auch nur veganes Essen. Selbstversorger, die bei uns übernachten, dürfen sich auch vegetarische Gerichte zubereiten, einzig der Konsum von Fleisch, Fisch und Meeresgetier ist unerwünscht. Es bringt nichts, den Menschen feindselig zu begegnen, sondern muss offen bleiben und eine pflanzenbasierte Kost positiv vorleben. Ich bezeichne mich auch nicht (mehr) als Veganerin, sondern versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten, so vegan wie möglich zu leben und kommuniziere das auch so.

  3. Ich freue mich gerade sehr über diesen Artikel! Ich habe letzte Woche ebenfalls darüber geschrieben, vielleicht magst du es mal lesen:

    Ich fange gerade neu an, aber das war auch mir ein Herzensthema!
    Richtig cooler Beitrag, ich wünsche Frohe Weihnachten!

  4. Toller Artikel! Spricht mir aus dem Herzen! Es gibt mehr als schwarz und weiß und man kann Tiere und Umwelt auch auf andere Weise schädigen als durch Fleisch/Milch/Eier-Essen (z.B. Stichwort Rohstoffe für Handys, Energie-Verbrauch (auch Wasserkraft oder Windkraft verursachen ja teilweise massive Schäden), oder Palmöl-Benutzung – auch wenn die Orang-Utans nicht direkt in der Seife / Margarine / Plätzchen,…. stecken – , etc. )
    Die Bewegungsrichtung des einzelnen ist wichtig! Lieber meist vegan und ab und zu eben Ausnahmen, als überhaupt keine bewusste Reflexion und Entscheidung! Ich finde es wichtig, dass man hinter die Kulissen guckt und es dann so gut macht, wie man selbst es eben kann und möchte.
    Danke für’s Schreiben von diesem Beitrag!!
    Liebe Grüße!
    Andrea von trotzdemvegan.de

    1. Finde ich eben auch. Wer 100% vegan lebt, aber dafür bei H&M shoppt, schadet der Welt vllt mehr als jemand, der 80% vegan lebt und dafür recycelt… 🙂 so ist das eben in allen Bereichen.

  5. Ich finde, Fleisch zu konsumieren ist nicht das schlimme an unserer heutigen Welt. Es ist der übermäßige Konsum! Dass jeden Tag ein Stück Fleisch auf dem Teller landen muss. Currywurst, Burger, Steak, Wurst und was weiß ich. Die Balance machts, wie immer! Mal eine Thüringer Bratwurst zu essen, ein Stück Wurst auf dem Brot oder Käse ist völlig in Ordnung. Aber einfach nicht jeden Tag!
    Wenn jeder Mensch auf dieser Welt seinen Fleischkonsum reduzieren würde, wäre es schonmal ein Schritt in die richtige Richtung.
    Ich esse seit Jahren kaum mehr Fleisch und versuche auf tierische Produkte zu verzichten. Nenne mich aber selber nicht Veganerin, weil es dann wieder von allen Seiten mit aufgerissenen Seiten heißt: “ABER DU BIST DOCH VEGANERIN!” Nein, ich habe eine gute Balance zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten!

  6. Jo! sehr schön geschrieben!
    Ich glaube ich kenne niemanden, der sich gern vorschreiben lässt was er/sie zu essen und wie er/sie zu leben hat. Das führt meist eh nur zu (extremen) Gegenreaktionen. Man denke nur an Konflikte mit den Eltern zurück…
    Kann mich nur René anschließen: “Ein Hoch auf die Grautöne!” oder die Facetten des Regenbogens (Grautöne klingt so trist)
    lg j

  7. Das hast du echt super geschrieben 🙂 ich bin ja auch noch ganz am Anfang meiner Umstellung, habe erst vor einem Jahr damit begonnen auf vegan umzustellen und dachte auch jahrelang auf Käse könnte ich NIE verzichten. Ich denke jeder hat vor seinem veganen Alltag so gedacht und einige Veganer werden auch wie ich Probleme bei der Umstellung gehabt haben. Ich wurde nicht von heut auf morgen 100% vegan und bin auch jetzt von 100% wohl noch ein gutes Stück entfernt. Aber wie du schreibst darum geht es gar nicht. Es geht darum ein Bewusstsein zu entwickeln und sich nicht mehr blenden zu lassen.

    Ich habe gerade erst einen Blogeintrag gemacht, wo ich über ein paar Erfahrungen als Frischling-Veganer unter Omnivore geschrieben habe:

    http://fruityfreshprincess.blogspot.de/2016/01/zwei-anekdoten-eines-veganen.html

    Ich sehe es wie du, mir hat erst letztes Mal eine Bekannte gesagt sie könnte nicht auf ihren Cappuccino verzichten. Ich habe ihr gesagt, wenn du das nicht kannst, dann tu es nicht. Es ist auch schon viel getan wenn man reduziert, das tut was man eben bereit ist zu tun und eben ein Gewissen und Bewusstsein entwickelt. (Der Rest kommt dann eh von selbst) Ich würde niemanden den radikalen Komplett-Cut empfehlen. Ich hätte/habe das auch nicht geschafft. Vegan sein/werden ist ein Prozess der im Kopf beginnt und dann wächst. Und dieser Prozess ist wichtig. Ich stecke selbst noch komplett drin und bezeichne mich daher auch ungern als veganer, da vegan einfach ein sehr großer Begriff ist, den ich mit Sicherheit noch nicht zu 100% gerecht werde, aber ich das vegane Bewusstsein wächst und wächst täglich 🙂

  8. @laufvernarrt wie meinst du das denn mit dem recyceln?
    Und hast du mir Anlaufstellen fürs Klamottenshoppen die ein Stück gutes für die Welt tun? Marken etc.?
    Herzliche Grüße
    Janine

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